Bunkernacht dokumentiert die Recherche der Familien Ritzel und Fath zu Martin Heidegger, Rudolf Hess, Martin Buber, Edmund Husserl
Mittwoch, 3. März 2021
Gertrud Simmel, Carl Theil und Martin Buber
Dienstag, 9. Februar 2021
Hermann Glockner an Wolfgang Ritzel
Maschinengeschrieben
Braunschweig, den 26.9.1966
Lieber Freund Ritzel!
Herzlichen Dank für die zehn Sonderdrucke Ihrer großen Einleitungsabhandlung in meiner Festschrift. Ich kann sie wirklich sehr gut gebrauchen. Auch für das Lessingbuch habe ich herzlich zu danken, das mir vorderhand einmal in Ihrem Auftrag vom Verleger zuging. Ich lese es jetzt, streiche an und mache Notizen, betrachte es also kurz gesagt als mein Eigentum. Aber wenn ich dann später das mir zustehende Besprechungsexemplar bekomme, werde ich mir erlauben, Ihnen dieses frische Exemplar wieder zurückzugeben. Denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, daß die Freiexemplare eigentlich niemals ausreichen.
Der Herausgeber des Erasmus fragte neulich bei mir an, ob ich ein in der Schweiz erschienenes neues Werk über die Analogia entis für ihn besprechen wolle. Ich lehnte natürlich ab, schrieb aber gleichzeitig, daß ich Ihren Lessing besprechen würde, falls er damit einverstanden sei. Eventuell bekomme ich also von dieser Seite schon in nächster Zeit ein Besprechungsstück.
Viel habe ich von Ihrem Lessing noch nicht gelesen. Erst gestern oder vielmehr vorgestern gingen Revision, Inhaltsverzeichnis und Register meines dritten Bandes an Bouvier ab. Das war eine heillose Arbeit; denn am 26., also heute, sollte die Revision nach dem Plan der Druckerei abgeliefert sein; eine Terminarbeit also. Auch lese ich Ihren Lessing ganz langsam in den frühen Morgenstunden und da stehe ich nun eben erst auf Seite 40. Immerhin entdeckte ich bereits mehrere Stellen, in denen schon das Dialektikproblem spukt/ anklingt. Es ist klar, daß dieses Kapitel im Mittelpunkt meiner Besprechung stehen wird.
Es ist mir übrigens die Lektüre des ersten Kapitels „Kritische Nachrichten“ nicht ganz leicht gefallen,w eil die stoffliche Mannigfaltigkeit so außerordentlich groß ist. Alle Augenblicke wird auf eine neue Rezension Lessings angespielt und es ist doch alles so interessant, daß ich Ihr Buch am liebsten nacharbeiten würde. Aber das ist mir garnicht möglich; denn die umfangreichste Lessingausgabe, die ich besitze, ist die siebenbändige von Witkowski, die für Ihr Buch natürlich bei weitem nicht ausreicht. Im Seminar haben wir den großen Lessing, d.h. wir hatten ihn. Ich halte es für möglich, daß ihn Frau Ströker „abgestoßen“ hat. Die große Stuttagrter Hölderlinausgabe jedenfalls hat sie sofort entfernt.
Nun werden Sie gewiß noch einiges über die Festschrift hören. Nun, ich habe Ihre Genese meiner Philosophie inzwischen noch einmal, und zwar genau gelesen. Dabei ergab sich, daß Sie (natürlich ohne es zu wollen) auch einen hübschen Beitrag zur Geschichtsphilosophie geliefert haben. Wenn wir eine Abhandlung über die Entwicklung von Platon oder Aristoteles oder Leibniz schreiben, so unterlaufen uns unter allen Umständen ähnliche Konstruktionen, wie sie sich auch in Ihrer Abhandlung finden, nur daß eben in diesem Falle das „Objekt“ der Genese noch am Leben ist und also sagen kann, wenn etwas nicht stimmt. Einige Male habe ich wirklich herzlich lachen müssen, so einleuchtend und sicher tragen Sie Ihre Hypothese vor, die gleichwohl falsch ist. So z.B. Seite 9 oben Zeile 3 das Wort „daraufhin“. Sie glauben, einen Grund gefunden zu haben, warum ich nicht mehr theoretisch-atheoretisch sage, sondern rational-irrational. Dieser Grund ist aber völlig unzutreffend. Das Aesthetische ist sowohl irrational wie theoretisch. Dass es keine theoretische Position gibt, die durchaus und nur rational wäre, das wußte ich von vornherein. Die terminologische Änderung hatte nur den einzigen Grund, daß ich das Wort theoretisch jetzt immer seiner griechischen Bedeutung entsprechend gebrauche. Theoria heißt die Betrachtung. Betrachtend verhält sich aber nicht nur der rationale Denker, sondern auch der irrationale Künstler (und der uneigennützig Liebende). Das Wort theoretisch bedeutet den Unterschied zu praktisch und auch weiterhin zu poetisch. In dem Augenblick, in welchem ich die drei aristotelischen Begriffe theoretisch-praktisch, poetisch gebrauchte, konnte ich die ohnehin schlampige (gang und gäbe) Gleichsetzung von theoretisch und rational nicht mehr gebrauchen. Ich nenne sie schlampig, weil alle, die sie anwenden, das Wort theoretisch bald im Unterschied zu praktisch und bald im Unterschied zu atheoretisch (im Sinne von rational) gebrauchen.
Eine andere Stelle, wo Sie konstruieren, ist Seite 25. Sie betrachten hier die Meditationen in dem Abenteuer-Buch als „Kapitel“ und meinen, das zweite Kapitel setze das erste voraus. Das ist so wenig der Fall, daß ich jetzt im zweiten Band von „Gegenständlichkeit und Freiheit“ das einstige erste Stück des Abenteuer-Buchs ganz am Schluß bringe. Beim Ausarbeiten begann ich auch seinerzeit keineswegs mit dem ersten Stück, sondern mit der zweiten Meditation und der Titel des Buches sollte ursprünglich lauten: Die Persönlichkeit des Philosophen. Die erste Meditation stand ganz für sich und trug in der ersten Fassung, die ich noch besitze, den Titel: Vom handelnden Heldengeist und vom ewigen Naturgeschehen. (handschriftlich) So kann man man sich also täuschen! Und so täuschen wir uns alle!
Der Ausdruck „Reflexionsstufen“ übrigens, der Seite 25 vorkommt, kann sich allerdings in meinem Buch nicht finden; er würde der antireflexionsphilosophischen Tendenz des Ganzen geradezu ins Gesicht schlagen. Als „Reflexionsstufen“ hat später Ralfs in seinen erkenntnistheoretischen Vorlesungen das „rational-irrationale Zusammen“ dargestellt. Es berührte mich seltsam, daß Sie Seite 26 unten behaupten, der Terminus „rational-irrationales Zusammen“ verliere durch das Hinzutreten des Individuellen etwas an Eindeutigkeit. Er verliert vielmehr an seiner für mich peinlichen allzu rationalen Einundandersheit. Auf der gleichen Seite 26 hatte ich oben den Eindruck, als hätten Sie nicht gemerkt, daß die Wendung „dieses Ganze nur für einen Gott gemacht“ ein Faustzitat ist, und zwar ein Ausspruch des Mephistopheles. Oder täusche ich mich?
Weil ich aber nun einmal beim (aber höchst gutmütig-humoristischen) Kritisieren bin: mit dem Worte „Welt“ gehen Sie von Anfang an ein bisschen freigebig um. Ich gebrauche das Wort Welt fast immer im Sinne von „Welt selbst“ im Unterscheid zu „in der Welt“. Obwohl nun das „Inderweltsein“ nicht transzendiert werden kann, ist und bleibt die Philosophie auf „Welt selbst“ gerichtet. Es ist ein Kardinalproblem, wie es überhaupt möglich ist, „in der Welt“ nach „Welt selbst“ zu fragen. Meine Antwort: indem man nach „Etwas überhaupt“ fragt und frei ein Modell von „Etwas überhaupt“ entwirft.
Aber nun will ich aufhören. Wenn ich das Ganze einmal mit Ihnen zusammen durchblättern könnte, würde ich Ihnen noch mehr Stellen aufzeigen, wo Sie es nicht ganz getroffen haben. Brieflich lässt sich so etwas nicht durchführen. Ich kann IHnne da immer nur wieder meine aufrichtige Hochachtung aussprechen, weil Sie doch meine Philosophie so sehr gut verstanden haben, ohne daß Sie jemals wenigstens ein Semester lang bei mir gewesen sind und gehört haben, wie ich meine Sachen vortrage, Schwierigkeiten aufhelle, Fragen beantworte und immer und immer wieder von dem gerade vorliegenden Einzelproblem aus den Blick aufs Ganze lenke. Manches geht eben nur mündlich und im freien Vortrag – und damit komme ich wieder auf das geschichtsphilosophische Problem zurück. Es ist vollkommen unmöglich, eine zutreffende Entwicklungsgeschichte z.B. von Aristoteles aufzubauen. Wir wissen zu wenig. Die Werke geben nicht alles her. Man müßte ein Jahr lang mit dem Mann philosophiert haben, dann wüßte man mehr. Wahrscheinlich mißverstehen wir sogar die Grundbegriffe. Trotzdem tut Philosophiegeschichte not und sie hat auch einen guten Sinn. Es gibt auch ein fruchtbares Mißverstehen. Und schließlich und letztlich wird jeder doch nur auf seine persönliche Weise mit dem Welträtsel fertig.
Handschriftlich:
Ach – es ist überhaupt mein Schmerz, daß ich so wenig echte und wirklich begabte Schüler hatte! Rickert war da doch besser dran! Ich hatte immer nur Lehrstuhlkandidaten, die nur geprüft werden wollten. Die Bücher geben nicht alles! Das Zusammenphilosophieren ist viel wert: ein Philosoph wird nur von anderen inspiriert. Meine Bücher hatte Robert Vischer nie verstanden. Menschlich verstand er mich wie kein anderer, auch Rickert nicht!
Grüßen Sie Ihre liebe Frau bitte! Gestern oder vielmehr vorgestern ist das Imprimatur für Bd III mit Register, Inhaltsverzeichnis etc nach Bonn abgegangen, Es war eine schwere Arbeit. Meine Augen werden immer schlechter.
Ihr Hermann Glockner
Der gesamte Briefwechsel kann auf
https://www.bunkernachtphilosophy.com
eingesehen werden.
Donnerstag, 24. Dezember 2020
Ein Psalm und Asche und schlechte Witze
In den letzten Wochen und Monaten gab es viele Artikel in den großen Tageszeitungen zu lesen über das, was Antisemitismus heute wieder in Deutschland anrichtet, über das, was als antisemitisch zu gelten habe und wer überhaupt das Recht habe, darüber zu befinden. Wer zu schweigen habe und bei wem von Maulhalten und Zensur keine Rede sein dürfte.
Mir ist momentan mehr nach Psalmen
Und dem was Carl Theil und Martin Buber diskutierten, wenn sie über den ... Psalm oder jenen sprachen oder sich Briefe schrieben.
Auffallend sind mir dabei die recht unterschiedlichen Interpretationen, die Carl Theil heranzieht und es ist eindrücklich, wie sehr die Auffassung von der Martin Bubers abweicht.
So schrieb Theil:
"Eine Änderung, die mir persönlich fast schmerzlich ist, ist der Schluß von Ps.91 "auf meine Freiheit lasse ich ihn sehen" Es ist dieser Schluß mir in der 1.F. eine Verheißung, genau wie der Schluß von Pf.50, und dieser Verheißungscharakter geht durch das hinzugefügte "auf" völlig verloren: es ist eine bloße Aussage, allenfalls eine unverbindliche Zusage, eine Aussage ohne jedes Obligo Gottes geworden. "Auf meine Freiheit lasse ich ihn sehen ?" - aber ob ich sie ihm auch zuteil werden lasse, daß er selber sie sieht und erfährt, steht noch dahin, während die Verheißung aber das genaue Gegenteil ist: aus der Freiheit Gottes gegebenes Obligo, das einzulösen er gewillt ist. (Du weißt, wie ich diese Stelle liebe, und warum). "
Bei Martin Buber steht heute am ende des Psalms, in einer Ausgabe von Lambert Schneider aus dem Jahr 1975, neu aufgelegt 1992 :
"ja, er hat sich an mich gehangen
und so lasse ich ihn entrinnen,
steilhin entrücke ich ihn,
denn er kennt meinen Namen.
Er ruft mich und ich antworte ihm,
bei ihm bin ich in der drangsal,
ich schnüre ihn los und ich ehre ihn.
An Länge der tage sättige ich ihn, ansehn lasse ich ihn mein Befreien."
(Das Buch der Preisungen, verdeutscht von Martin Buber).
Verschiedene theologische Auffassungen finde ich spannend, gerade auch in Zeiten von persönlichem Stress, wenn ich Angst habe... denn es bringt mich zum Nachdenken.
Vorallem eine nicht eineindeutige Handlungsanweisung und gerade auch eine widersprüchliche Empfehlung, die nicht in einem barschen" Machdasjetztgefälligst" gipfelt.
Aber ich sollt hier nicht von mir reden, schliesslich geht um Antisemiten.
Natürlich würde mich noch mehr dazu die Überlegungen interessieren, die mein Großvater zu Bibelübertragungen, biblischen Nacherzählungen und Thomas Manns literarischen Kunst inspiriert zusammengetragen hat. Auf der Suche nach de Mendelssohn, nach Erich Mendelssohn und nach Mendelssohn tout court.
Aber es finden sich da weniger Psalmen als eher Propheten
Jesaja Daniel...
Und schon wird die Bahn abschüssig, antisemitisch.
Wenn ich der jüdischen Allgemeinen folgen darf
Daniel gilt nicht als jüdischer Prophet, ist nicht einer, der im jüdischen Rahmen zitiert wird
Es geht hier nicht um einen innerreligiösen Dialog, es geht um Ausgrenzung
Hermann Cohen – so höre ich von jüdischer Seite, sei ein Vertreter des assimilierten Judentums. Nur als solcher sei er einem Deutschen verständlich.
Hermann Cohens Beitrag zur Philosophie, welche jüdische Philosophen würdigen können, sind, so schwingt es unterschwellig mit, für einen deutsche Leser nullundnichtig im Hinblick auf die historische Schuld.
Im Hinblick auf die rein deutsche Planung und Durchführung des Holocaust, ist der Versuch,, sich vorzustellen, Hermann Cohen zu lesen, sei ein Beitrag zu Toleranz und Verständigung - hinfällig.
da dies mir neu ist, gerate ich hier ins Stocken.
Auch weil darin eine Behauptung liegt, die mir noch inakzeptabler erscheint -
auch wenn die Logik sie freundlicherweise unterschlagen hat -
approximativ-logisch kann man sie wieder hervorholen.
Ist damit Hermann Cohens Konzeption der Vernunftreligion verdächtig?
In philosophischer Hisnicht?
Und: Kann ich überhaupt so tun, als liesse sich ein gesellschaftliches Jetzt von einer philosophischen Betrachtung trennen?
ist das nicht was wir Heidegger vorwerfen, so zu tun, als sei Antisemitismus, Judenvernichtung nichts, das mit Philosophie zu tun habe?
Und schon steht es mir als Nichttheologin schlecht an, Hermann Cohen zu zitieren.
Carl Theil, nach dem ich nun in Freiburg Kantoren gefragt hab
und in Berlin junge jüdische Leute, Menschen der dritten oder vierten Generation,
gilt als Philosemit, als Denunziant -
man braucht noch nicht mal Beweise vorlegen, Belege, Dokumente, man darf das einfach behaupten.
Wie wäre das, ich würde mal bei Ihnen ins Haus kommen und einfach so auf Dinge zeigen, fragen: Ist das geklaut? oder: Haben wir das nicht geklaut - darf ichs nochmal mitnehmen...?
Allerdings fällt es mir zunehmend schwerer, die jüdische Allgemeine zu lesen.
Mir sind jüdische Zeitungen wichtig, gerade auch in ihrer Alltäglichkeit.
Alltag ist wichtig, nicht nur die hohen Feiertage.
Aber es fällt mir schwer, einfach weil ich gerne blöde Witze mache, fluche und überhaupt sehr vulgär bin, nicht einen Nachahmungsmist zu produzieren, wenn ich jüdische Statements über die "Philosemitische Scheisse" lese, welche Deutsche von sich geben, wenn sie über den Holocaust reden.
Neulich vor wenigen Tagen habe ich einem jüdischen Schauspieler Dokumente aus dem KZ Buchenwald gesandt, einen Totenschein,
er hat darauf mit einer Stefan Raab Parodie geantwortet.
Darf ich mich nun im Gegenzug darüber lustig machen?
Gehört es nicht hierhin?
Vielleicht lese ich doch lieber Carl Theils Brief weiter, und wieder, immer wieder
"Die entscheidende Stelle ist aber Ps. 125:
"Die abbiegen aber,
ihre Krümmnisse läßt Er sie gehen".
Hier am allerwenigstens möchte ich die 1.F. preisgeben, denn diese Stelle bedeutet mir den Durchbruch einer ganz neuen, bisher unerhörten Gotteserkenntnis (weit mehr als bloß einer neuen "theologischen" Erkenntnis), einzig und allein vergleichbar der Gotteserkenntnis der berühmten Amosstelle (9,7; vgl Königtum Gottes S.73) und dieser ungeheure Durchbruch wird durch die ganz substanzlose 2.F bis auf die letzte Spur ausgelöscht.
Oh Freund, diese Stelle darf nicht abgeändert werden, wenn auch irgend eine besser beglaubigte Subalternlesart dies nahe legen sollte. Es gibt kein aktuelleres Wort im ganzen Psalter! Keines, das mich mehr, bis ins innerste Herz getroffen hätte: ich kann Dir nun diese meine unmittelbarste Erfahrung zur Rechtfertigung anführen, da mir die Erkenntnis des Textes? versagt ist, und möchte mit leidenschaftlicher Inbrunst mit Dir darum kämpfen, um Dich zu überzeugen: hier, wenn sonst irgendwo, geht es um die Rettung oder Wiedergewinnung des echten Wortes!
Lass mich bald wissen, wie Du Dich entschieden hast! "
„
Dienstag, 21. April 2020
Dienstag, 31. März 2020
Wolfgang Ritzel über Carl Theil
Liebe ......!
So darf ich Sie doch anreden, nachdem ich für Sie der Onkel Wolfgang bin – zu meiner Freude, wie mir Ihr ganzer langer Brief zur bewegten Freude gereicht. Oft habe ich nämlich in den zurückliegen- den Jahren an Sie und die Ihren ...gedacht...
Denn die beiden Jahre vom Herbst 1935 bis Frühwinter 1937 die ich als Jenaer Student im Hause Carl Theils, Beethovenstraße/ Ecke Sedanstraße wohnen und am Leben der Familie teilnehmen durfte, zählen zu den wichtigsten und unvergeßlichsten meines Lebens, auch zu den letzten unbe- schwerten, ehe der Krieg sich abzeichnete und schließlich kam . –
Eben hab ich versucht, das Haus und die Aufteilung des Erdgeschosses aus dem Gedächtnis zu skizzieren. Der Garten war zwischen Haus und Sedanstraße breiter als auf meiner Skizze, auch zog er sich in Richtung Sedanstraße noch ein gutes Stück bergab. Auch die Raumverhältnisse sind von mir nicht richtig angegeben. Im großen Wohnzimmer wurden die Mahlzeiten eingenommen, an heißen Sommertagen wohl auch in der anschließenden verglasten Veranda. Ich habe die Skatecke angege- ben, da sassen wir eigentlich jeden Abend, zu diesem Treiben begab sich auch Carl Theil aus seiner Klause, die er sonst eigentlich nur zu den Mahlzeiten verließ.
Carl Theil war zu jener Zeit auf der einen Seite voll Sorge der vaterländischen und weltweiten Angelegenheiten wegen und zudem bitter, weil man ihn aus dem Amt gejagt hatte; andererseits hatte man ihm nichts Böses getan, zahlte ihm seine Pension; die materielle Situation war schlecht und die Sorge um das Studium der Kinder nicht bedrückend..... So lebte er ganz behaglich mit seinen noch nicht 50 Jahren, las und schrieb – sein Hauptinteresse galt Martin Buber, mit er auch persönlich verbun- den war. Und für seinen Flügel fand er auch Zeit.
Bonn, le 2.juillet 1982
Ma chére...
Ainsi j’ai le droit de m‘adresser à vous, en étant l’oncle Wolfgang pour vous – à mon plaisir, tout comme votre longue lettre est source d’une grande joie. Car souvent, les années dernières, j’ai pensé à vous et les votres...
Ces deux années lá, de l’automne 1935 jusqu’à l’hiver 1937, pendant lesquelles j’avais le droit de séjourner comme étudiant dans la maison de Carl Theil, située Beethovenstrasse / angle rue Sedan, et participer á la vie familiale, comptent parmi les plus beaux et les plus inoubliables de ma vie, ainsi sont ils de ces dernières années insouciantes, avant que la guerre ne se designe á l’horizont et puis éclata.
A l’instant je viens de faire une esquisse de la maison et de la repartition du rez-de chaussée par ma mémoire. Mais le jardin fut plus large entre maison et le rue de Sedan – que dans mon esquisse, et il s’étirait un bon morceau en descendant la pente vers la rue Sedan. Les proportions des chambres ne sont non plus sont reparties d’une manière adéqute. Dans la grande salle de séjour les repos ont été proposes, pendant l’été, aux journées trop chaudes, souvent sur le veranda sous verriéres. J’ai désigné le coin où nous jouâmes aux cartes, quasiment chaque soir, auquel jeu Carl Theil participa, bienqu’il sortisse de son cabane seulement pendant les repas.
Carl Theil se faisait beaucoup de souci à cause des affaires nationaux et mondiales et réagissait amer, car on l’avait chassé de sa poste; de l’autre côté on ne lui avait pas fait mal, en continuant lui verser sa pension; pourtant la situation économique était mauvais
et la peine pour finir l’education de ses enfants n’était pas écrasante...Ainsi il vivait avec ses cinquante années pas encore passes, bien installé, pouvait lire et écrire – son intérêt principale portait sur Martin Buber, avec lequel il était lié en amitié. Même pour son piano à queue, il trouva du temps.
aus: Bunkernacht-project, Die Jahre 1933 - 1935
700 Seiten, dt.frz.
ISBN: 9783751905893
Donnerstag, 26. März 2020
Postthum
gekoppelt mit einem: HOW DARE YOU
so mit dem Andenken der Familie umzugehen.
Nun stehen wir nicht auf einem Friedhof
auch wenn die Geste, die mir dabei in den Sinn kommt
ein abruptes durch die Haare Streichen
ein Zeichen der Beherrschung, als ginge es um die Gesetzestafeln, nach denen Moses fasst
droht, den Text fallen zu lassen -
noch ist das Totengedenken, um das hier gestritten wird, nicht allein das eines würdigen Gedenkens vor einer kleinen, unbedeutenden Familiengruft, sondern ein Eingedenksein auf dem weiten
Friedhof Deutschland und Europas.
Mit „das“ ist gemeint, das Andenken des Vaters oder des Großvaters in den Schmutz zu ziehen, durch kindische Art lächerlich zu machen oder herabzusetzen:
Gemeint ist, nicht nur das Andenken zu verderben
sondern auch die Schriften und Publikationen, die in Privatbriefen geäußerten Ansichten zu verunstalten und oder verunglimpfend herabzusetzen.
Darunter versteht sich – stillschweigend bescheiden - eine mitschwingende Verpflichtung / Vernichtung – in der kaum ausgesprochenen Annahme, dass das Urteil des pietätvoll Gedenkenden, das allein Richtige ist.
Wer sich in meiner Weise den Philosophen und ihren politischen geschichtlichen Publikationen in der NS -Zeit und in den nachfolgenden Jahrzehnten widmet, bricht, verletzt und zerstört die Trauerarbeit desjenigen, der es richtig macht.
Zu diesem schwerwiegenden Vorwurf des falschen deplazierten Totengedenkens „gesellt“ sich ausserdem der Vorwurf einer fehlenden Aussage, eines Schuldbekenntnis seitens der Täter.
Denn zu den Tätern und der Tätergeneration, der von Wolfgang Ritzel undMartin Heidegger angehören, fehlt ein und vielmehr DAS Schuldeingeständnis.
Es wird von den vornehm Schweigenden
eine Art Selbstbezichtigung des Philosophen erwartet,
um nicht zu sagen: gefordert, weil es, so meint man, scheint es, zum Wesen des Philosophen gehört, Rechenschaft über sich, über die Folgen des eigenen politischen Handelns - oder über die Kon- sequenzen eines unterlassenen Handelns - und natürlich über DAS Handeln als geschichtliche Einheit abzulegen.
Zumindest wird eine Äusserung erwartet, die über die üblichen oberflächlichen vernebelnden Stellungnahmen zum Holocaust hinausgeht und welche erlauben würde, uns, den heute Lebenden, erlauben würde, mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit der Vergangenheit des Krieges oder auch nur den Traumatas, den Folgen von Deportation und Vernichtung der Folgen dieser Zeit den Sequelles abzuschliessen
In der Hoffnung
dass Aussprechen und Begrifflichmachen zur Verständlichkeit des Nichtzuverstehenden
dass es - seitens der Philosophen
zu einer wirklichen (hegelianisch anmutenden) begrifflichen umfassenden Aufarbeitung gekommen sei, in der
ein Sich selber Schildern und ein Einschätzen ein umfassendes Abbild des Geschehens ebenso dazugehört wie ein Theoriebild. Eine Theoretisierung
welches NICHT NUR das Zustandekommen des Nationalsozialismus in sozialer politischer
aber auch den Rasse..“wahn“
und in beidem eingeschlossen das Vernichtungssystem
benennt, aufarbeitet, einordnet, gliedert und auf diese Weise den Exzess der Zerstörung endlich fasslich - begrifflich macht.
Fast liesse sich vermuten, dass beides - das falsche Totengedenken und das keine „Stellungbeziehen“ zum Holocaust -
zur Massenvernichtung der Endlösung und der mörderischen Be- satzungsregime, die das Dritte Reich in den europäischen Ländern errichtete - dazu gehört. Teil ihrer Machenschaft ist - oder schlicht und ergreifend:
Ein und dasselbe ist.
Er habe, sie haben - Wolfgang Ritzel habe, so lautet der Vorwurf,
nicht öffentlich Stellung bezogen; Heidegger habe geschwiegen.
Die Doppeldeutigkeit ....das doppelte Mouvement
von Anklage und würdigem Gedenken, in das sich juristische Überlegungen mischen.
Denn die Geschichtsbetrachtungen, Rekonstruktionen sind von einer Natur des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ mit der Konsequenz, dass sich unter ihnen Tatbestände, Namen Zeiten sich durchaus welche finden lassen müssen, die sich zu juristischen Anklagen im präzisesten Falle ausarbeiten lassen. oder hätten lassen müssen.


