Dienstag, 9. Februar 2021

Hermann Glockner an Wolfgang Ritzel

Maschinengeschrieben

Braunschweig, den 26.9.1966


Lieber Freund Ritzel!

Herzlichen Dank für die zehn Sonderdrucke Ihrer großen Einleitungsabhandlung in meiner Festschrift. Ich kann sie wirklich sehr gut gebrauchen. Auch für das Lessingbuch habe ich herzlich zu danken, das mir vorderhand einmal in Ihrem Auftrag vom Verleger zuging. Ich lese es jetzt, streiche an und mache Notizen, betrachte es also kurz gesagt als mein Eigentum. Aber wenn ich dann später das mir zustehende Besprechungsexemplar bekomme, werde ich mir erlauben, Ihnen dieses frische Exemplar wieder zurückzugeben. Denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, daß die Freiexemplare eigentlich niemals ausreichen.


Der Herausgeber des Erasmus fragte neulich bei mir an, ob ich ein in der Schweiz  erschienenes neues Werk über die Analogia entis für ihn besprechen wolle. Ich lehnte natürlich ab, schrieb aber gleichzeitig, daß ich Ihren Lessing besprechen würde, falls er damit einverstanden sei. Eventuell bekomme ich also von dieser Seite schon in nächster Zeit ein Besprechungsstück.


Viel habe ich von Ihrem Lessing noch nicht gelesen. Erst gestern oder vielmehr vorgestern gingen Revision, Inhaltsverzeichnis und Register meines dritten Bandes an Bouvier ab. Das war eine heillose Arbeit; denn am 26., also heute, sollte die Revision nach dem Plan der Druckerei abgeliefert sein; eine Terminarbeit also. Auch lese ich Ihren Lessing ganz langsam in den frühen Morgenstunden und da stehe ich nun eben erst auf Seite 40. Immerhin entdeckte ich bereits mehrere Stellen, in denen schon das Dialektikproblem spukt/ anklingt. Es ist klar, daß dieses Kapitel im Mittelpunkt meiner Besprechung stehen wird.


Es ist mir übrigens die Lektüre des ersten Kapitels „Kritische Nachrichten“ nicht ganz leicht gefallen,w eil die stoffliche Mannigfaltigkeit so außerordentlich groß ist. Alle Augenblicke wird auf eine neue Rezension Lessings angespielt und es ist doch alles so interessant, daß ich Ihr Buch am liebsten nacharbeiten würde. Aber das ist mir garnicht möglich; denn die umfangreichste Lessingausgabe, die ich besitze, ist die siebenbändige von Witkowski, die für Ihr Buch natürlich bei weitem nicht ausreicht. Im Seminar haben wir den großen Lessing, d.h. wir hatten ihn. Ich halte es für möglich, daß ihn Frau Ströker „abgestoßen“ hat. Die große Stuttagrter Hölderlinausgabe jedenfalls hat sie sofort entfernt.


Nun werden Sie gewiß noch einiges über die Festschrift hören. Nun, ich habe Ihre Genese meiner Philosophie inzwischen noch einmal, und zwar genau gelesen. Dabei ergab sich, daß Sie (natürlich ohne es zu wollen) auch einen hübschen Beitrag zur Geschichtsphilosophie geliefert haben. Wenn wir eine Abhandlung über die Entwicklung von Platon oder Aristoteles oder Leibniz schreiben, so unterlaufen uns unter allen Umständen ähnliche Konstruktionen, wie sie sich auch in Ihrer Abhandlung finden, nur daß eben in diesem Falle das „Objekt“ der Genese noch am Leben ist und also sagen kann, wenn etwas nicht stimmt. Einige Male habe ich wirklich herzlich lachen müssen, so einleuchtend und sicher tragen Sie Ihre Hypothese vor, die gleichwohl falsch ist. So z.B. Seite 9 oben Zeile 3 das Wort „daraufhin“. Sie glauben, einen Grund gefunden zu haben, warum ich nicht mehr theoretisch-atheoretisch sage, sondern rational-irrational. Dieser Grund ist aber völlig unzutreffend. Das Aesthetische ist sowohl irrational wie theoretisch.  Dass es keine theoretische Position gibt, die durchaus und nur rational wäre, das wußte ich von vornherein. Die terminologische Änderung hatte nur den einzigen Grund, daß ich das Wort theoretisch jetzt immer seiner griechischen Bedeutung entsprechend gebrauche. Theoria heißt die Betrachtung. Betrachtend verhält  sich aber  nicht nur der rationale Denker, sondern auch der irrationale Künstler (und der uneigennützig Liebende). Das Wort theoretisch bedeutet den Unterschied zu praktisch und auch weiterhin zu poetisch. In dem Augenblick, in welchem ich die drei aristotelischen Begriffe theoretisch-praktisch, poetisch gebrauchte, konnte ich die ohnehin schlampige (gang und gäbe) Gleichsetzung von theoretisch und rational nicht mehr gebrauchen. Ich nenne sie schlampig, weil alle, die sie anwenden, das Wort theoretisch bald im Unterschied zu praktisch und bald im Unterschied zu atheoretisch (im Sinne von rational) gebrauchen.

Eine andere Stelle, wo Sie konstruieren, ist Seite 25. Sie betrachten hier die Meditationen in dem Abenteuer-Buch als „Kapitel“ und meinen, das zweite Kapitel setze das erste voraus. Das ist so wenig der Fall, daß ich jetzt im zweiten Band von „Gegenständlichkeit und Freiheit“ das einstige erste Stück des Abenteuer-Buchs ganz am Schluß bringe. Beim Ausarbeiten begann ich auch seinerzeit keineswegs mit dem ersten Stück, sondern mit der zweiten Meditation und der Titel des Buches sollte ursprünglich lauten: Die Persönlichkeit des Philosophen. Die erste Meditation stand ganz für sich und trug in der ersten Fassung, die ich noch besitze, den Titel: Vom handelnden Heldengeist und vom ewigen Naturgeschehen. (handschriftlich) So kann man man sich also täuschen! Und so täuschen wir uns alle!

Der Ausdruck „Reflexionsstufen“ übrigens, der Seite 25 vorkommt, kann sich allerdings in meinem Buch nicht finden; er würde der antireflexionsphilosophischen Tendenz des Ganzen geradezu ins Gesicht schlagen.  Als „Reflexionsstufen“ hat später Ralfs in seinen erkenntnistheoretischen Vorlesungen das „rational-irrationale Zusammen“ dargestellt. Es berührte mich seltsam, daß Sie Seite 26 unten behaupten, der Terminus „rational-irrationales Zusammen“ verliere durch das Hinzutreten des Individuellen etwas an Eindeutigkeit. Er verliert vielmehr an seiner für mich peinlichen allzu rationalen Einundandersheit. Auf der gleichen Seite 26 hatte ich oben den Eindruck, als hätten Sie nicht gemerkt, daß die Wendung „dieses Ganze nur für  einen Gott gemacht“ ein Faustzitat ist, und zwar ein Ausspruch des Mephistopheles. Oder täusche ich mich?


Weil ich aber nun einmal beim (aber höchst gutmütig-humoristischen) Kritisieren bin: mit dem Worte „Welt“ gehen Sie von Anfang an ein bisschen freigebig um. Ich gebrauche das Wort Welt fast immer im Sinne von „Welt selbst“ im Unterscheid zu „in der Welt“. Obwohl nun das „Inderweltsein“ nicht transzendiert werden kann, ist und bleibt die Philosophie auf „Welt selbst“ gerichtet. Es ist ein Kardinalproblem, wie es überhaupt möglich ist, „in der Welt“ nach „Welt selbst“ zu fragen. Meine Antwort: indem man nach „Etwas überhaupt“ fragt und frei ein Modell von „Etwas überhaupt“ entwirft.


Aber nun will ich aufhören. Wenn ich das Ganze einmal mit Ihnen zusammen durchblättern könnte, würde ich Ihnen noch mehr Stellen aufzeigen, wo Sie es nicht ganz getroffen haben. Brieflich lässt sich so etwas nicht durchführen. Ich kann IHnne da immer nur wieder meine aufrichtige Hochachtung aussprechen, weil Sie doch meine Philosophie so sehr gut verstanden haben, ohne daß Sie jemals wenigstens ein Semester lang bei mir gewesen sind und gehört haben, wie ich meine Sachen vortrage, Schwierigkeiten aufhelle, Fragen beantworte und immer und immer wieder von dem gerade vorliegenden Einzelproblem aus den Blick aufs Ganze lenke. Manches geht eben nur mündlich und im freien Vortrag – und damit komme ich wieder auf das geschichtsphilosophische Problem zurück. Es ist vollkommen unmöglich, eine zutreffende Entwicklungsgeschichte z.B. von Aristoteles aufzubauen. Wir wissen zu wenig. Die Werke geben nicht alles her. Man müßte ein Jahr lang mit dem Mann philosophiert haben, dann wüßte man mehr. Wahrscheinlich mißverstehen wir sogar die Grundbegriffe. Trotzdem tut Philosophiegeschichte not und sie hat auch einen guten Sinn. Es gibt auch ein fruchtbares Mißverstehen. Und schließlich und letztlich wird jeder doch nur auf seine  persönliche Weise mit dem Welträtsel fertig.


Handschriftlich:

Ach – es ist überhaupt mein Schmerz, daß ich so wenig echte und wirklich begabte Schüler hatte! Rickert war da doch besser dran! Ich hatte immer nur Lehrstuhlkandidaten, die nur geprüft werden wollten. Die Bücher geben nicht alles! Das Zusammenphilosophieren ist viel wert: ein Philosoph wird nur von anderen inspiriert. Meine Bücher hatte Robert Vischer nie verstanden. Menschlich verstand er mich wie kein anderer, auch Rickert nicht!


Grüßen Sie Ihre liebe Frau bitte! Gestern oder vielmehr vorgestern ist das Imprimatur für Bd III mit Register, Inhaltsverzeichnis etc nach Bonn abgegangen, Es war eine schwere Arbeit. Meine Augen werden immer schlechter. 

Ihr Hermann Glockner







Der gesamte Briefwechsel kann auf

https://www.bunkernachtphilosophy.com

eingesehen werden.

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